Walter Franzetti, lic. phil.

Psychotherapeut
Männer - hört (besser) hin!
Seelische Ursachen des Symptoms Bulimie
Gedanken über die Fremdbetreuung von Kindern
Die Macht des Schweigens

„Anfang 1997 wurde ein Geheimnis aufgedeckt, das im öffentlichen Leben Amerikas wie eine Bombe einschlug: US-Aussenministerin Madeleine Albright erfuhr, dass sie das Kind jüdischer Eltern war, die während des zweiten Weltkriegs zum katholischen Glauben übergetreten waren. Ihre tschechischen jüdischen Grosseltern starben damals in Vernichtungslagern. Madeleine Albright wuchs auf, ohne etwas von ihrer jüdischen Herkunft zu ahnen.“ Unbewusst machte sich Madeleine Albright an die Aufarbeitung ihrer Geschichte, indem sie Historikerin wurde mit dem Schwerpunkt Mitteleuropäische Geschichte. Madeleine Albright wusste sowohl als Kind nicht, dass ihre Eltern Juden waren, sie interessierte sich auch nicht für die Lebensgeschichte ihrer Grosseltern und doch beschäftigte sie sich als Historikerin mit eben dem Teil der Welt, wo das Geheimnis ihrer Familie verborgen lag. Von den Eltern erfuhr sie nur, dass ihre Grosseltern während des Krieges gestorben waren. Madeleine Albright lebte mit einem grossen Widerspruch, zu dem die in der Familie geltende Regel gehörte, keine Fragen zu stellen, ganz in der Gegenwart zu leben und den liebevollen Eltern Glauben zu schenken. Gleichzeitig aber empfand sie einen unwiderstehlichen Drang, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, mit der Geschichte, mit Mitteleuropa. Diese einzigartige Kombination von Familienverboten und beruflicher Ausrichtung machte aus Madeleine Albright eine Historikerin mit Scheuklappen, was ihre eigene Familiengeschichte betraf. Und da sie zum Zeitpunkt, als ihr Familiengeheimnis schliesslich offengelegt wurde als Politikerin im Rampenlicht stand, wurde es von der amerikanischen Öffentlichkeit, welche nach Geheimnissen von bekannten Leuten gierig sucht, schnell aufgegriffen.

 
Wenn man eine Familie näher kennen lernt, stösst man fast unweigerlich auf irgendein Geheimnis. Wir können unseren Ehepartnern, unseren Geschwistern, Eltern, Kindern und besten Freunden bestimmte Geheimnisse vorenthalten. Aber mit denselben Personen können wir auch Geheimnisse teilen. Es gibt Geheimnisse, die eine ganze Familie vor der Aussenwelt bewahrt - aus Schutzbedürfnis und aus Furcht vor schlechtem Ruf. Oder man verbirgt etwas vor den Kindern in der trügerischen Hoffnung, ihnen dadurch Schmerzen zu ersparen. Es gibt Geheimnisse, die jeder kennt - z.B. der Alkoholkonsum des Vaters - welche die Familie aber daran hindern, ihre zäh verteidigten Grenzen zu übersteigen und Hilfe zu suchen. Und es gibt Geheimnisse wie AIDS und Homosexualität, die deshalb sorgfältig gehütet werden, weil zu Recht zu befürchten ist, die Unterstützung der Familie, den Arbeitsplatz, eine Wohnung oder eine Freundschaft könnte verloren gehen.
 
Ein Geheimnis kann lange Zeit stillschweigend von Menschen bewahrt werden und entfaltet plötzlich die Wirkung eines Sprengsatzes, der jederzeit explodieren kann. Eine junge Frau kam in Psychotherapie und erzählte eine Geschichte, die sie in ihrer Jugendzeit hautnah miterlebt hatte. In ihrer Klasse war ein lebenslustiges Mädchen, das oft während der Woche und am Wochenende bei ihr und ihren Eltern zu Gast war. Von der Lehrerin, die eine Bekannte ihrer Eltern war, haben sie erfahren, dass dieses Mädchen und ihre jüngere und ältere Schwester von ihren "Eltern" adoptiert worden sind. Die Mädchen wussten aber damals noch nichts von ihrer Adoption. Ihre Eltern lebten in grosser Angst, sie könnten sich negativ entwickeln, wenn sie die Wahrheit von der Adoption erfahren würden. Diese Angst bestätigte sich, als sie in die Pubertät kamen. Gegen Ende der Schulzeit machte eines der pubertierenden Mädchen den Eltern immer mehr Sorgen. Sie verzweifelten, weil diese Tochter sich allmählich der elterlichen Kontrolle entzog. Voller Angst und grossem Ärger gaben die Eltern eines Tages das Geheimnis preis und erklärten dem Mädchen, dass sie ein Adoptivkind sei und eine schlechte Erbmasse mitbringen, die ihr unmögliches Verhalten erklären. Die Folgen der Offenlegung des Geheimnisses waren verheerend. Die Patientin und ihre Elternversuchten "Müntschi" - so wurde sie mit Spitznamen genannt - aufzufangen. Während längerer Zeit nach der Schule hielt die Freundin den Kontakt zu ihr noch aufrecht. "Müntschi" geriet aber immer mehr in die Drogenszene, riss von zu Hause aus, wurde mit 18 Jahren schwanger, gab das Kind zur Adoption frei und widerholte damit ihr Schicksal. Es war für alle unverständlich, warum die Pflegeeltern diesem Mädchen ihre Herkunft nicht viel früher in verdaubaren Dosierungen mitgeteilt haben. So wurde allmählich ein Fass mit Pulver aufgefüllt und die Explosion geschah, als die Eltern in grossem Ärger die Wahrheit über ihre Herkunft der Tochter mitteilten.
 
Diese Eltern werden sich gefragt haben, was schwerer wiegt, die tagtäglichen Lügen oder das Bewahren vor dem Schmerz, wenn die Kinder erfahren würden, dass sie nicht ihre leiblichen Eltern sind. Die Wahrheit wäre für die Mädchen verkraftbarer gewesen, als die Verunsicherung durch das Gefühl, Eltern zu haben, denen sie nicht vertrauen können. Die Angst der Eltern, ihre Töchter könnten eines Tages ihre leibliche Mutter und ihren leiblichen Vater suchen, und sie würden dann ihre Kinder verlieren, kann ein Grund für die Verheimlichung der Wahrheit gewesen sein. Auch die ängstliche Frage, erfüllen wir als Eltern unsere Aufgabe, sind wir genügend gute Eltern, kann eine Rolle beim Verheimlichen gespielt haben.
 
In unseren grundlegenden Beziehungen zu anderen Menschen entstehen Geheimnisse, gewinnen an Kraft, bleiben am Leben, platzen oder gelangen zur Klärung. Sie prägen, gewähren und beschränken die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme in und ausserhalb der Familie. Die Entscheidung, ein Geheimnis zu schaffen und zu bewahren, hat tiefe Wurzeln und komplizierte Ursachen. Man kann leicht behaupten, dass wir bestimmte Dinge geheim halten, weil wir uns ihrer schämen und weil wir uns ihnen aus Angst nicht zu stellen wagen. Doch der entscheidende Schritt besteht darin, sich mit den vielschichtigen Fragen der Entstehung und der Bewältigung dieser Scham und dieser Angst auseinanderzusetzen. Vielleicht ist die Einschüchterung durch andere der Grund für unser Schweigen. Die Angst, den Ehepartner, einen guten Freund, den Psychotherapeuten oder das eigene Selbstwertgefühl zu verlieren, kann die treibende Kraft dafür sein, dass wir die Tür zu unserem Geheimnis verschlossen halten. Oder wir verheimlichen etwas, um die Menschen zu schützen, die wir lieben, und bemerken plötzlich, dass wir in einem Labyrinth von Täuschungsmanövern gefangen sind und damit gerade die Beziehungen zerstören, die wir zu retten hofften.
 
Ein Geheimnis kann unser Selbstgefühl lähmen und unsere Position anderen gegenüber schwächen. Wenn wir uns in ein Netz der Verheimlichung verstricken, kommt uns häufig die Flexibilität im Umgang mit Problemen abhanden, und wir büssen allmählich die Fähigkeit ein, uns selbst zu entfalten und unsere Beziehungen zu anderen Menschen zu verändern. In der Fachliteratur werden gegensätzliche Positionen vertreten, gewisse Fachleute plädieren dafür, „nie an Geheimnissen zu rühren“ und andere, “Geheimnisse in jedem Fall offenlegen“! Es gibt also auch gute Gründe, ein Geheimnis für sich behalten zu können.
 
Eine Frau - nennen wir sie Regula – 42 Jahre alt meldet sich wegen Eheschwierigkeiten füt eine Psychotherapie an. Sie hatte die Adresse von einer Kollegin erhalten, die bei mir in Therapie gewesen ist. Regula erscheint zum ersten Gespräch sehr verlegen, schüchtern und ängstlich. Im Gegensatz zu ihrer Schüchternheit stehen ihre sehr modernen Kleider, farblich bestens abgestimmt, ein Superminirock, ein teure Bluse, Strümpfe und Schuhe im gleichen, jedoch helleren Farbton. Verlegen versucht sie beim Sitzen ihre Beine leicht schräg zu stellen. Regula ist eine sehr hübsche und verführerische Frau.
 
Sie erzählt von ihren Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihrem Mann. Sie hätten sich auseinandergelebt, er selber habe grosse Schwierigkeiten u.a. auch in seinem Beruf. Die Frau arbeitet mit Vorschulkindern und macht dies sehr gerne. Schwierig seien höchstens die Gespräche mit Eltern, vor allem mit den Vätern. Die Gespräche kreisen während längerer Zeit um Probleme mit dem Mann, den Kindern, ihre Arbeit, ihre Unlust gegenüber den Arbeiten im Haushalt. Es braucht lange Zeit, bis sie endlich gesteht, dass es ihr nach den Stunden bei mir sehr schlecht geht. Sie brauche 3, 4 Tage bis sie sich erhole, dann freue sie sich wieder auf die nächste Stunde. Mir blieb dieser Aspekt der Beziehung zu mir nicht verborgen. Vorsichtig habe ich sie öfter darauf angesprochen. Ausweichmanöver und abschätzige Antworten waren oft das Resultat. Nur etwas an ihnen ärgert mich, sagte sie eines Tages spöttisch und zugleich bewundernd: Sie sind der einzige Mann, den ich nicht in den Sack stecken kann. Ich frage sie, warum dies für sie so wichtig ist. Darauf erzählt sie mir einen schmerzlichen Teil ihrer Lebensgeschichte. Mit 17 Jahren wird sie von ihrem damaligen Freund schwanger. Sie ist verunsichert, ob sie das Kind behalten oder nach der Geburt zur Adoption freigeben, oder abtreiben soll. Sie neigt dazu, das Kind zu behalten und nicht zur Adoption freizugeben. Ist aber auch recht unentschieden. Ihr damaliger Freund unternimmt nichts, um mit ihr einen autonomen Entscheid zu fällen. Da die Zeit drängt, ergreift ihre Mutter die Initiative und reist mit ihr ins Ausland, wo die Abtreibung vorgenommen wird. Sie erinnert sich nur noch wie durch einen Schleier an diese Zeit. Sie weiss nicht mehr, wie sie sich gefühlt hat, wie man mit ihr umging. Alles ist verschleiert, grau, traurig.
 
Sie heiratet einige Jahre später einen anderen Mann und ist heute Mutter von drei Kindern; sie wollte schon immer Mutter mehrerer Kinder sein. Als die 21-jährige Tochter, die 19- und 17-jährigen Söhne sich allmählich vom Elternhaus zu lösen begannen, tauchte in ihr plötzlich der Wunsch nach einem weitern Kind auf. Dieser Wunsch wurde dermassen intensiv, dass ich ob der Intensität, wie sie ihn äusserte, nachdenklich wurde. Ich versuchte, den Wunsch der Frau im Zusammenhang mit dem erlittenen Trauma zu verstehen. Sie wollte den Zusammenhang anfänglich nicht einsehen, und der Wunsch wurde immer drängender. Erst der Zusammenhang mit dem verborgenen Wunsch, dass sie sich einen Mann wünscht, der zu ihr steht, der ihr Grenzen setzt, den sie nicht in den Sack stecken kann und von dem sie sich dieses Kind wünscht, bewirkte allmählich ein Abflauen des Kinderwunsches. Sie akzeptierte allmählich, dass ihr damaliger Freund sie im Stich gelassen und die Mutter aus egoistischen Gründen sie zu etwas gezwungen hat, das sie ihr nie verzeihen konnte. Zwangshaft musste sie die Männer in den Sack stecken, d.h. sie kontrollieren, damit ihr nicht wieder ein ähnliches Unglück wie die damalige Schwangerschaft widerfährt. Gleichzeitig aber gab sie sich sehr verführerisch und selbstverständlich fielen viele Männer auf sie herein. Sie spielte mit ihnen und handelte sich Schuldgefühle dafür ein. Aus diesen Gründen fühlte sie sich nach den Stunden bei mir sehr elend. Sie spielte mit mir und musste mich gleichzeitig maximal kontrollieren. In der Fantasie baute sie eine Liebesbeziehung zu mir auf und ich sollte der Vater des gewünschten Kindes sein. Beide Geheimnisse, das traumatische Erlebnis als schwangere Frau mit 17 Jahren und ihr unbewusster Wunsch, dass nur ich als Vater ihres Wunschkindes in Frage komme, führte dazu, dass sie sich nach den Therapiestunden elend fühlte. Beide Geheimnisse konnten ohne dramatische Scham- und Schuldgefühle in der Therapie vorsichtig bearbeitet werden. Dies führte zu einer grossen Entspannung mir gegenüber. Das ungute Gefühl nach den Therapiestunden verschwand allmählich.
 
Das Ende der Therapie war dann nochmals begleitet von unterschiedlichen Gefühlen. Sie wollte die Therapie schnell beenden, dann entschied sie sich, wieder zu kommen, aber sie werde telefoniere, wenn sie nochmals kommen wolle. Später kamen Karten: Ich habe sie nicht vergessen, schrieb sie, manchmal sehne ich mich nach den Stunden bei ihnen. Telefonieren sie mir doch, damit wir einen Termin abmachen können. Sie rief mich dann an und wir vereinbarten einen Termin. Auf diese Weise löste sie sich von mir, stärkte ihr Selbstwertgefühl und ihre Autonomie und ihre seelischen Wunden schmerzten dank der Auseinandersetzung in der Therapie immer weniger. Regula konnte es schlussendlich akzeptieren, dass sie sich weiterhin mit den psychischen Narbenschmerzen auseinandersetzen musste. Die Gewissheit und die Erfahrung, dass ihre psychischen Schmerzen nachlassen werden, gaben ihr neuen Mut
 
In der Therapie mit Regula erlebte ich, was der bekannte Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler geschrieben hat: „Die Erfahrung der eigenen Analyse ist in erster Linie die Erfahrung der Begrenztheit, der Beschränkung auf Weniges, das veränderbar ist. Das Allermeiste ist so, wie es ist, so, wie es schon immer war.“ Die kleinen Veränderungen, die möglich sind, sind jedoch sehr viel Wert. Ich bezeichne sie als Erweiterung des Erlebnisbereiches, die zu einer Flexibilität und Elastizität in der Beurteilung der eigenen Konflikthaftigkeit führt. Erst mit dieser neugewonnenen Flexibilität ist es auch möglich, Neuformulierungen der Konfliktneigung zu finden, welche die Dinge relativieren, Betrachtungsweisen erweitern und bisher Festgelegtes anders verstehen lassen. Regula konnte sich viel später der Mutter gegenüber besser abgrenzen und lernte sich besser verstehen, weshalb sie Männer in den Sack stecken musste. Sie suchte den Mann, der ihr widersteht und sie trotzdem nicht verachtet, an den sie sich anlehnen kann, ohne sofort in grosse Schwierigkeiten zu geraten. Die Angst, dass alle diese Wünsche nicht erfüllt werden im Leben, begleitete sie während der Therapie sehr stark. Erst die Auseinandersetzung, das Wagnis, sich einzulassen, gaben ihr die Hoffnung, dass verborgene Wunden mit der Zeit weniger schmerzen, wenn man es wagt, das Geheimnis zu offenbaren. Die Offenbarung von Geheimnissen wird meistens so inszeniert, dass es verschleiert, unverständlich dargestellt wird. Vordergründig wollte Regula mich verführen. Verborgen war der intensive Wunsch, lass dich nicht verführen, aber verachte mich auch nicht, weil ich mit dir dieses Spiel treibe. Scham- und Schuldgefühle waren bei Regula zentral.
 
Warum sind Geheimnisse so faszinierend, das sie oft so dramatisch dargestellt werden müssen? Ich nehme an, deshalb, weil sie sich wie kein anderer Aspekt des menschlichen Lebens einfachen Lösungsformeln widersetzen. Trotz allen anderslautenden Behauptungen der populären Psychologie lassen sich Geheimnisse selten fein säuberlich in eine Schublade packen und damit erledigen. Geheimnisse zwingen uns ein zwiespältiges Gefühl auf. Sie ziehen uns an und stossen uns gleichzeitig ab. Ein und dasselbe Geheimnis kann an einem Tag eine Schutzfunktion erfüllen und uns am nächsten Tag quälend zusetzen. Es kann in einer Beziehung Wärme und Geborgenheit vermitteln und uns gleichzeitig von anderen Menschen entfremden, denen wir gerne nahe stünden.
 
Geheimnisse in Kategorien einzuteilen erachte ich als eher unmöglich. Am ehesten wird die Unterscheidung in gute und schlechte, freudbringende und traurige oder süsse und vergiftende Geheimnisse unterteilt. Süsse Geheimnisse kennen alle Mütter und Väter mit Kindern. Bei dieser Art Geheimnisse stehen der Spass und die Überraschung eines Elternteils im Vordergrund. Das kleine Mädchen teilt mit dem Vater ein süsses Geheimnis, um die Mutter am Muttertag mit einem selbst gebastelten Geschenk zu überraschen. Einen Augenblick lang fühlt sich das Kind richtig erwachsen an der Seite des Vaters. Geschwister im Teenager Alter, die sich normalerweise streiten, tun sich zusammen, um ihren Eltern zum Hochzeitstag eine Überraschung zu bereiten. Oder Eltern bereiten geschäftig mit ihren anderen Kindern die Hochzeit der ältesten Tochter vor. Wenn solche angenehme Geheimnisse enthüllt werden, erfahren langjährige Beziehungen eine positive Veränderung, weil sie das Selbstwertgefühl aller Beteiligten stärken. Das erste Guck-Guck-Spiel bereitet schon dem Baby das Vergnügen an zeitweiliger Heimlichkeit. Die Verstecke kleiner Kinder, ihre Geheimnisse - unsere Kinder nannten sie "G'hängs" - die versteckten Tagebücher von Teenagern, die unausgesprochenen Hoffnungen und Träume, die wir in unseren Herzen tragen, sind die selbstwertfördernden Phantasien, Gedanken, Ideen, die unser Leben bereichern. Zu dieser Art Geheimnisse gehören auch Bettgeheimnisse zwischen Eheleuten, welche grössere Intimität fördern und das einzigartige Gefühl entstehen lässt, einen anderen Menschen sehr gut zu kennen. Die eigene Sprache, die jede Familie hat, beinhaltet Ausdrücke und Kosenamen, die Nähe und Geborgenheit fördert.
 
Traurige, gefährliche, vergiftende Geheimnisse haben meistens eine längere Lebensdauer, weil sie im Gegensatz zu den angenehmen Geheimnissen, bei denen die Menschen ihre Aufdeckung kaum erwarten können, im Verborgenen bleiben müssen. Solche Geheimnisse können sich verheerend auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken, weil massgebliche Ereignisse in der Familie verborgen und unzugänglich bleiben. Solche Geheimnisse führen zur Zerreisprobe in den Beziehungen, sie stellen unsere Identität in Frage und verunsichern uns zutiefst. Zusätzlich schränken sie unsere Fähigkeit ein, klare Entscheidungen zu fällen. Es gelingt uns nicht, unsere Kräfte, unsere Ressourcen sinnvoll zu nutzen und echte Beziehungen zu pflegen.
 
Wenn solche Geheimnisse im Dunkeln bleiben müssen, so hat dies chronisch negative Folgen
- neben der Unfähigkeit, Probleme zu lösen und offen zu kommunizieren - für die Selbst- und Fremdwahrnehmung und das seelische Wohlbefinden. Auch wenn niemand unmittelbar körperlich oder psychisch bedroht ist, rauben die bedrohlichen Geheimnisse dennoch Energie, erzeugen Beklemmungen, belasten den, der das Geheimnis kennt, den anderen Betroffenen der es nicht kennt und verwirren alle andern Menschen, die mit den erwähnten Personen in Kontakt kommen. Zweifel an der Verlässlichkeit anderer Menschen werden zentral; es führt zum Gefühl der Ausgrenzung und damit wird der Blick getrübt. Was sehen wir, wenn man uns versichert, wir sähen nicht, was wir doch zu sehen meinen. Solche Geheimnisse rufen selten eine akute Krise hervor, sie entfalten eher eine schleichende Wirkung.
 
Adriano ist ein Patient, der sich immer ins Wartezimmer hineinschleicht wie ein Duckmäuser, wie er selber einmal sagte. Die Familie, in der er aufwuchs, erlebte er wie ein grosses Labyrinth, in dem er gefangen war. Niemals konnte er sich zurechtfinden. Die Mutter ist eine sehr fürsorgliche, überbehütende, aber auch eine einengende, kontrollierende Frau. Als Adriano klein war, erhielt er bestimmt zu viel an einengender Zuwendung. Mit 3 Jahren bekam er eine Schwester. Er wünschte dieses kleine Wesen ins Pfefferland. Allen Menschen erklärte er, sie sollen sie im Spital behalten. Damals erlebte er schmerzlich, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Er fühlte sich in die Ecke gestellt, beschämt, verlassen, verloren - so wie er jeweils in der Praxis auftaucht. Er begann zu rebellieren, zu trotzen, lebte aggressive Ausbrüche aus, weil seine wichtigste Frage, werde ich trotzdem noch geliebt, für ihn ein Geheimnis blieb. In der Übertragung lebte er sein Geheimnis aus, indem er mir ein breites Repertoire an Widerständen vor die Füsse warf. Er wollte immer wieder von mir erfahren, ob ich ihn nicht zum Teufel jage, wenn er sich mir gegenüber renitent verhält. Regelmässig verlängerte er die Stunden bei mir künstlich, indem er wichtig Themen aufsparte und diese am Schluss der Stunde noch schnell besprechen wollte. Wenn ich dann schlussendlich bestimmt das Ende ankündigen musste, fragte er mich, ob ich jetzt verrückt auf ihn sei, oder humorvoller erklärte er: Der Moor hat seine Pflicht getan, der Moor kann gehen, aber auch verletzende Bemerkungen musste ich mir anhören: was hat mir das heutige Geschwafel bei ihnen gebracht? Nichts! Es hat mir nur Zeit und Geld gekostet.
 
Die Mutter von Adriano war eine exzellente Geheimnis-Stifterin. Dazu zwei Beispiele, deren es dutzende gibt. Eines Tages eröffnete ihm die Mutter, dass sie seinen Schwestern 10'000.- Franken gegeben habe. Er erhalte dieses Geld selbstverständlich auch. Sie habe ihm ein Konto auf einer deutschen Bank errichtet. Auf die Frage, warum sie ihm das Geld nicht auf ein Konto in der Schweiz überwiesen habe, wurde sie wütend und beschuldigte ihn der Undankbarkeit. So weit so gut, Adriano akzeptierte das Geld auf der deutschen Bank. Er bekam später auch eine Anzeige von einer Bank in Deutschland, dass ein Bankkonto für ihn eröffnet worden sei, aber es war noch kein Geld überwiesen worden. Er sagte es der Mutter, sie wurde wieder böse, beschuldigte ihn, er könne nicht warten und er sei undankbar. Also wartete Adriano weiterhin. Ende des Jahres kam ein Auszug mit null Euro auf dem Auszug. Er erkundigte sich bei der Mutter über den Sinn des Bankkontos. Sie warf ihm vor, er sei ein bequemer Kerl, und seine Schwester hätten schon lange auf der Bank nachgefragt, was los sei, aber er mache überhaupt nichts, wolle nur immer bekommen. So ging es noch eine Weile weiter und immer entstanden Streitereien, sobald Adriano einmal nach Hause kam. Schlussendlich gab die Mutter zu, sie habe wahrscheinlich vergessen, das Geld zu überweisen, aber er hätte ja schon lange bei der Bank nachfragen können. Die hinter diesem Beziehungsmuster stehende Frage, werde ich überhaupt geliebt, wurde ihm nie klar beantwortet. Ein früheres Erlebnis bezog sich auf die Beziehung zum Vater von Adriano. Die Mutter liess durchblicken, dass ihr Mann eine Zeitlang irgendeine Dummheit angestellt hatte. Adriano nahm an, er habe eine Aussenbeziehung gelebt. Er frug die Mutter, was sie mit ihrer Aussage gemeint habe. Sie erklärte ihm barsch, was meinst du eigentlich, das sage ich dir nicht. Für Adriano wurde diese familiäre Form der Beziehung unerträglich und sie prägte ihn zugleich in katastrophaler Weise. Alle Beziehungen waren für sein Erleben unzuverlässig. Um sich darin zurechtfinden zu können, baute er ein kafkaeskes Gebäude auf. Er bedrängte alle Menschen, mit denen er es zu tun hatte, mit offenen oder versteckten Aggressionen und erlebte immer dasselbe Muster: Schlussendlich wurde er abgelehnt. So verlor er auch einige Arbeitsstellen. Er war plötzlich nicht mehr tragbar. Zu mir sagte er einmal: Wenn ich einen solchen Patienten hätte, wie ich einer bin, den hätte ich schon längstens zum Teufel gejagt. Ich erwiderte ihm, sehen sie, das ist ihr zentrales Problem. Sie müssen sich so verhalten, dass sie schlussendlich zum Teufel gejagt werden, weil es immer ein Geheimnis bleiben muss, ob man sie liebt oder nicht. Das Märchen Rumpelstielzchen: "Ei wie bin ich froh, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstielzchen heiss", war häufig unser Thema.
 
Wenn ich in einer Therapie gebeten werde, ein Geheimnis anzuhören und zu hüten, und ich damit einverstanden bin - meistens wehre ich mich zwar in Paartherapien, Geheimnisträger zu werden - sehe ich mich mitunter ganz schnell in ein Wechselspiel von Beziehungen verstrickt, in denen ich gleichzeitig zuverlässig und unzuverlässig, vertrauenswürdig und suspekt, mächtig und ohnmächtig bin. Ein Geheimnis preiszugeben kann Beziehungen festigen, aber auch zum Bruch führen. Deshalb ist der Umgang mit Geheimnissen der Hochseilakt im Zirkus des Lebens.
 
Alle Paare, alle Familien verfügen über eine reichhaltige Sammlung individueller Beziehungsmuster. Im Gespräch kann ich ständig sich verändernde Konstellationen von Grundmustern beobachten, die sich aus dem Wechselspiel der Erlebnisse und familiären Traditionen in den Herkunftsfamilien jedes einzelnen ergeben. Neben den Mustern aus den Herkunftsfamilien spielen auch der soziale Status, die Religionszugehörigkeit, bei Freunden abgeschaute alternative Beziehungsmuster, die Erfordernisse des Alltags usw. eine Rolle. Dies führt zu einem hochkomplizierten Beziehungsnetz, in das ich als Nichtwissender einsteige, um dessen Vorteile und Nachteile selber erfahren zu können. Ich weiss in diesem Moment noch nicht, welche Muster in welcher Weise verändert werden müssen. Der momentane "Pas de deux" der Partner ist jeweils das Ergebnis von Schritten, die sie bereits gelernt haben, bevor sie sich kennenlernten. Ob sie sich anmutig, elegant, konfliktvermeidend bewegen oder sich beständig auf die Füsse treten, stets probieren die beteiligten Menschen neue Schrittfolgen aus. Es ist eine unendliche Vielfalt dessen, was die Menschen ersinnen, ausdenken, ausprobieren, um zusammen zu sein.
 
In einer Therapiestunde mit einem Paar kann ich ein kooperatives Verhalten beider, Vorwürfe, Vertrauensbrüche, Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung, und immer widerkehrende Verhaltensmuster, die eine lähmende Wirkung haben, beobachten. Die einzelnen Familienmitglieder erkennen für gewöhnlich ausgezeichnet, was die jeweils anderen zu einem problematischen Grundmuster beitragen, aber das Bemühen, den eigenen Anteil daran zu erkennen, ähnelt häufig dem Versuch, ohne Spiegel den eigenen Hinterkopf zu sehen. Häufig sind dann Geheimnisse im Spiel, wenn die blockierenden Verhaltensmuster wie unbehagliche Schweigeminuten, stockende Gespräche, überdeckende Höflichkeit, abrupter Themenwechsel, ständiger Augenkontakt zwischen zwei Familienmitgliedern - z.B. in einer Familientherapie - beim Ansprechen eines bestimmten Themas, oder die sinnlose Inszenierung von Konflikten in der Therapie wirksam werden. Dazu ein Beispiel: Ein junges Paar, das noch in verschiedenen Wohnungen lebt, kommt zu mir zu einem Gespräch. Im Zentrum steht das Problem, dass der junge Mann seit längerer Zeit keine sexuelle Lust mehr verspürt. Er ist am Aufbau eines eigenen Geschäftes und zugleich in einer anspruchsvollen Weiterbildung mit seinen Kräften stark eingebunden. Deshalb fühle er sich abends oft sehr müde. Die junge hübsche Frau ist verunsichert und denkt, sie habe einen Makel. Der junge Mann ist in der zweiten Generation als Spanier in der Schweiz und lebt noch im Elternhaus. Diese Tatsache wird von Beiden kaum beachtet. Zwischen den Zeilen erfahre ich, dass die Mutter des Mannes eine sehr fürsorgliche und besitzergreifende Frau ist. Da der Mann die Dienstleistungen der Mutter sehr schätzt, aber sich auch durch die Mutter sehr eingeschränkt fühlt, kann er sich nicht entscheiden, das Mutterhotel zu verlassen und sich mit diesem Auszug ihrem einengenden Einfluss zu entziehen. Er spaltet das Problem auf. Er geniesst die Dienstleistungen der Mutter weiterhin und entzieht sich der Einschränkung, die er auf die Freundin projiziert, indem er sich den sexuellen Wünschen der Freundin entzieht. Im Grunde entzieht er sich in der Phantasie der einengenden Mutter, er hält die Freundin auf Distanz und bestraft die Freundin anstelle der Mutter für das kontrollierende Verhalten.
 
Diese komplizierten Beziehungsmuster sind nur verstehbar, wenn man akzeptieren kann, dass die Seele oft kapriziöse Sprünge macht, um einen Kompromiss leben zu können. Der Mann bleibt bei seiner Theorie, dass er einfach oft zu müde sei und lässt die Frau im Glauben, sie sei der Grund seiner Lustlosigkeit. Oft ist gegen solche Überzeugungen kein Kraut gewachsen. Wenn das Paar weiterhin zu Gesprächen kommt, kann ich nur geduldig versuchen, sie an den Ort des Konfliktes zu führen. Der Mann hat mir bereits signalisiert, dass er sich in unseren Gesprächen gefrustet fühle. Die Frau spürt die Chancenlosigkeit, will den Mann nicht verlieren, und muss deshalb die Last der Unsicherheit, ob es eventuell doch an ihr liege ertragen und auf die Lust weiterhin verzichten. D.h. Der Mann ist mit mir unzufrieden, weil ich ihn an den Ort des Problems führen will und die Frau ist mit mir unzufrieden, weil es mir nicht gelingt, ihren Freund an den Ort des wirklichen Problems zu bringen. In diesem Beispiel zeigt sich, dass der Beruf des Psychotherapeuten ein unmöglicher Beruf ist, was Freud vor vielen Jahren schon formuliert hat. Das Geheimnis des Mannes versuche ich folgendermassen in Worte zu fassen: Die Frau ist ein Wesen, das man gut gebrauchen kann, aber sie ist auch ein unmögliches Wesen, weil sie immer die Kontrolle über den Mann auszuüben versucht. Deshalb bestrafe ich sie, aber ich will sie auch nicht verlieren. Ich weiss gleichzeitig, dass sie mich auch braucht und dass sie nicht weggehen kann. Ich habe die Frau auf diese Motive angesprochen. Mit lauen Worten antwortete sie auf meine Intervention, sie hätte ihm auch schon angedroht, ihn zu verlassen. Seine Antwort darauf war, ja das wäre halt dann sein Schicksal. Schade! Mein Schicksal ist, dass beide enttäuscht sind von mir und, weil die Enttäuschung mir gilt, d.h. nicht mehr in der eigenen Beziehung gesucht werden muss, werden sie weiterhin frustriert zusammenbleiben, ohne dass Veränderungen in irgendwelcher Form möglich werden.
 
Die therapeutische Arbeit bei diesem jungen Paar könnte beginnen, wenn sie erkennen, welche Tanzschritte beide zur Choreografie in ihrer Beziehung beitragen. Dann würde sich das Repertoire der Verhaltensmuster erweitern, der Mann könnte Lust auf Nähe zur Freundin bekommen, auch wenn er müde ist und sie bekäme ein gutes Selbstwertgefühl, das darin besteht, eine selbständige und dennoch liebe Frau zu sein. Dies setzt voraus, dass das Geheimnis des jungen Mannes offenbar wird: Er hat schlechte Erfahrungen betreffend das Kontrollbedürfnis der Mutter gemacht, und deshalb kann er keiner Frau mehr trauen. Er überträgt diese Angst auch auf die Freundin und denkt sich, auch sie wird mich einengen. In Tat und Wahrheit versucht die Freundin, ihm möglichst viel Freiraum zuzugestehen. Ihr Bemühen, ihn nicht einzuengen ist so intensiv, dass sie keine Veränderung in der Beziehung erreichen kann. Ob und wie dieser Teufelskreis eines Tages durchbrochen werden kann, ist kaum voraus zu sagen. Es hängt von den Wünschen und Ängsten dieser beiden Menschen ab, welchen Weg sie gehen werden. Der erste Schritt besteht darin, zu ihren Wünschen und Ängsten vorzudringen. Aber ein Geheimnis ist die schwere Eisentüre, die den Zugang zu diesen Schätzen verwehrt.
 
Die Geheimnisse, welche Menschen sehr belasten können, haben sich gewandelt. Während es in den zu Ende gehenden 60er, anfangs 70er Jahren hauptsächlich darum ging, die früher streng gehüteten Geheimnisse der Aussenbeziehungen - häufig von den Männern gelebt - in der "offenen Ehe" auszuleben und in dieser Vorstellung alte Gesellschaftsideale über den Haufen zu werfen, gingen viele Ehen in die Brüche. Glaubensregeln und der traditionelle Wert der Familie, deren wegen viele schlechte Ehen weiterbestanden, wurden in Frage gestellt. Zusammenzubleiben war früher ein gesellschaftliches und kirchliches Gebot gewesen. Für viele Frauen war auch die finanzielle Situation so schlecht, dass sie keine Scheidung wagen konnten. Viele Paare erlebten, dass das Offenlegen der Aussenbeziehungen nicht der erhoffte Weg ins Paradies war. Es brachte trotzdem ein Einstellungswandeln insofern, dass man in der Scheidung nun eine persönliche Entscheidung sah. Dies weckte das Bedürfnis bei vielen Paaren, eine Paartherapie zu machen, um Klarheit zu erhalten, ob man zusammenbleiben soll oder sich besser trennt. Deshalb kamen bereits Ende der 70er, anfangs der 80er Jahre immer mehr Paare in Therapie, die ihre Beziehung verbessern wollten, noch bevor eine grössere Krise ausbrach.
 
Der von der Frauenbewegung erreichte Wandel machte die Frauen unabhängiger, was zu einer weiteren grossen Veränderung der Paarbeziehungen beitrug. Der Einstieg vieler Frauen in die Berufsarbeit der Aufschub des Kinderwunsches und die Neugestaltung der Beziehung zwischen Mann und Frau in Beruf und Familie stellte eine beispiellose Herausforderung dar. Dieser Herausforderung sind heute noch viele Männer nicht gewachsen. Ich schätze, dass die Initiative bei Scheidungen heute zu 80% von den Frauen ausgeht, während früher die Männer wegen Aussenbeziehungen häufiger die Scheidung eingereicht haben. Die Frauen wurden von den Männern lange Zeit unterschätzt. Männer glaubten, ihre Partnerinnen seien völlig abhängig von ihnen - vor allem finanziell - und könnten sich nicht von ihnen trennen. Weitgefehlt, viele Frauen nehmen es heute in Kauf, finanziell viel schlechter dazustehen, wenn sie sich von ihrem Mann befreien können, v.a. wenn sie sich aus einer Beziehung retten können, in der die seelischen Verletzungen durch den Mann unerträglich geworden sind.
 
Die Frauen äussern heute bis anhin geheim gehaltene Probleme wie Sexualität, Abtreibung, Fehlgeburt, Unfruchtbarkeit, Geld, Surfen der Ehemänner im Internet u.v.a.m. viel offener, während andere Geheimnisse, wie vorehelicher Geschlechtsverkehr und uneheliche Geburt an Bedeutung verlieren, weil sie gesellschaftlich nicht mehr tabuisiert werden.
 
Kürzlich kam ein Ehepaar, beide älter als 60 Jahre in Beratung. Die Frau hat den Mann ertappt, wie er Kontakt mit Frauen via Internet aufgenommen hat. Er hatte geglaubt, dass seine Frau vom Internet überhaupt nichts verstehe und ihn deshalb nicht überführen könne. Sie kam jedoch mit ausgedruckten verräterischen Briefen in der Hand in die Beratung. Er, völlig verwirrt, lancierte einen Angriff nach dem anderen auf seine Frau. Sie sei in seinen Freiraum eingedrungen, sie habe eine Grenzüberschreitung begangen, die unverzeihlich sei und zusätzlich glaube sie ihm nicht, dass alles ja bloss eine Internet-Spielerei gewesen sei. Der Mann konnte und wollte nicht sehen, dass er mit seinem Verhalten seine Frau verletzt hatte; erstens hat er ihr nichts zugetraut und zweitens hat er mit seinen Kontaktaufnahmen mit anderen Frauen bei ihr Ängste ausgelöst, sie genüge ihm nicht mehr und er wolle aus der Beziehung aussteigen. Der Mann konnte nicht zu seiner Handlung stehen und das Gespräch mit seiner Frau aufnehmen. Er musste sie zur Abwehr seiner Schuld- und Schamgefühle andauernd beschuldigen, verletzen, mit verachtenden Worten treffen. Traurig ist die Tatsache, dass Paare oft in dieser Verstrickung weiterleben müssen, weil die Einsicht auf der einen Seite nicht möglich ist, und der Mut auf der anderen Seite fehlt, klare Bedingungen zu stellen. Das gegenseitige Offenlegen der kleinen Geheimnisse, du genügst mir in dieser oder jener Beziehung nicht ganz, das oder jenes an dir ärgert mich, kann nicht ausgesprochen werden. Meistens fehlt aber auch die freundliche Zuwendung, liebe Worte, das freut mich an dir und andere guttuende Worte, um die Beziehung jeden Tag wertvoll zu machen.
 
Ganz allgemein kann man sagen, dass es nur wenige unumstössliche Regeln gibt, wenn es um Geheimnisse geht. Geheimnisse zwischen einer Frau und einem Mann - auch zwischen zwei Frauen und zwei Männern - in einer Paarbeziehung können Nähe und Geborgenheit schaffen und Grenzen abstecken. Andererseits können Geheimnisse das Paar zum gegenseitigen Schutz so stark aneinander schmieden, dass Angst oder Ausbeutung überhand nehmen. Das Offenlegen von gefährlichen Geheimnissen kann ein jahrelanges Vertrauen zerstören, so dass wirklich nichts mehr zu retten ist und bei anderen Paaren kann das Offenlegen des Geheimnisses mit identischem Inhalt eine neue Nähe und Vertrautheit bilden.
 
Wenn ein Partner irgendetwas vor dem anderen geheim hält, können die unterschiedlichsten Motive dahinterstehen - von gesunder Selbstabgrenzung bis hin zu zynischer Heuchelei. Einerseits bereiten Geheimnisse zuweilen den Boden für Misstrauen, andererseits ist es ein Zeichen von Vertrauen, wenn dem anderen das Recht zugebilligt wird, bestimmte Geheimnisse für sich zu behalten. Wenn ein Partner weiss, das der andere sich nicht am Tagebuch vergreift, oder die Privatschublade nicht durchwühlt, dann haben beide erkannt, wie sehr Geheimnisse dazu beitragen, Intimität und Vertrauen zu schaffen. Hier handelt es sich um Geheimnisse, deren Existenz nicht geheim ist. Beide Partner stecken das persönliche Territorium innerhalb ihrer Beziehung offen ab. Wichtig dabei ist, dass diese individuellen Grenzen von beiden Partnern respektiert werden. Aus diesem Respekt erwächst ein grosses Vertrauen darauf, dass die privaten Erinnerungen oder geheimen Gedanken des Partners dem anderen keinen Schaden zufügen.
 
Paare, die behaupten, sie hätten keine Geheimnisse voreinander, erleben später, dass ihre Forderung, alles zu erzählen, jegliche Individualität zunichte macht. Keine Geheimnisse heisst, keine Abgrenzung, kein unabhängiges Selbst, keine privaten Briefe oder Tagebücher, kein Raum für eigene Träume, nichts Rätselhaftes. Wenn sich zwei "Ichs" in einem "Wir" auflösen, wenn Gedanken, Phantasien und Handlungen immer im Plural stehen, verschwindet die Freude am Unterschied. Eigene Beziehungen zu anderen Menschen - zu Familienangehörigen und Freuden - die belebend auf die Paarbindung wirken können, sind untersagt. Solche Beziehungen werden langweilig und trist, weil das Geheimnisverbot die individuelle Initiative schon im Keim erstickt, und damit Überraschungen unmöglich werden.
 
Wenn wir in einer Paarbeziehung lernen, mit solchen Geheimnissen zu leben, löst sich die stets vorhandene Spannung zwischen dem Wunsch, alles zu wissen, und dem Eingeständnis, dass es unmöglich ist, alles zu wissen.
 
Ruth Rau schreibt in ihrem Büchlein “......dass die Liebe bleibt“: Die Geheimnisse des anderen sind auch zu achten: So vertraut uns ein Mensch sein mag, es wird immer Gedanken und Gefühle in ihm geben, die wir nicht kennen. Das ist gut so. Jeder hat ein Recht auf sein Eigenleben. Das Reizvolle an einer Beziehung ist ja gerade, dass wir Andersartigem begegnen und dadurch herausgefordert werden, unseren Horizont zu erweitern und uns weiterzuentwickeln.
 
Damit die Liebe uns erhalten bleibt, ist es wichtig, die Geheimnisse des anderen zu achten. Misstrauische Fragen, geöffnete Briefe oder gar durchstöberte Tagebücher können so sehr verletzen, dass das Vertrauen nachhaltig gestört ist und der andere sich in ein Schneckenhaus zurückzieht.
 
Wenn die Liebe gedeihen soll, braucht sie einen Raum des Vertrauens. Ich muss nicht alles vom anderen wissen. Umso mehr kann es beglücken, wenn der andere sich vertrauensvoll öffnet und mir etwas aus seinem Inneren offenbart. Das sind kostbare Augenblicke, und es lohnt sich, mit ihnen behutsam umzugehen, weil sie keine Selbstverständlichkeit sind, sondern etwas Wertvolles.
 
Walter Franzetti, lic.phil.
Psychotherapeut SGST/SBAP.
 
 
Neu überarbeitet 2011: Literatur: Evan Imber-Black: „Die Macht des Schweigens“ Geheimnisse in der Familie        
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