Walter Franzetti, lic. phil.

Psychotherapeut
Männer - hört (besser) hin!
Seelische Ursachen des Symptoms Bulimie
Gedanken über die Fremdbetreuung von Kindern
Die Macht des Schweigens

Die Frage, ob zeitweise Fremdbetreuung für Kinder gut oder schädlich ist, will ich gerade zu Beginn beantworten. Fremdbetreuung ist in verschiedener Hinsicht für Eltern wie für Kinder vorteilhaft, nützlich, förderlich, besonders begünstigt sie die Entwicklung des Kleinkindes.

 
Hartmut von Hentig, ein bekannter Pädagoge, schreibt im Vorwort zum Buch: "Geschichte der Kindheit" von Philippe Ariès provokativ, aber aufschlussreich:
 
"Die heutigen Kinder sind ganz offensichtlich die Kinder ihrer Zeit und ihrer Umwelt, sie sind der entlarvenste Spiegel. Sie sind nicht nur nervös, ungeordnet, vital, "gestört" - sie terrorisieren einander, sie streiten sich ununterbrochen, sie vandalisieren das Gemeingut, sie sind weitgehend unfähig, anderen und sich selbst Freude zu bereiten, sie scheinen unfähig, tiefere anhaltende Beziehungen zu Menschen oder Sachen einzugehen - und sie müssen ununterbrochen schreien.
 
Natürlich haben Kinder auch liebenswerte, ja bewundernswerte neue Eigenschaften, aber diese sind meist die unmittelbare Folge und Kehrseite einer ihrer Schwierigkeiten: aggressiv wie sie sind, können sie Erwachsenen frei, ungebeugt begegnen; indifferent, unkooperativ und kritisch wie sie sind, können sie diese Schwächen sehr ehrlich einsehen und sehr beredt anklagen; ungeordnet wie sie sind, können sie in bestimmten Lagen sich selbst und ihren Anspruch zurücknehmen."
 
Kinder sind so, wie sie sind, sie sind der Spiegel einer Gesellschaft, in der oft mit falschen Massstäben gemessen wird; Macht, Erfolg und Reichtum, schreibt Sigmund Freud, werden angestrebt und bei anderen bewundert, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzt. Deshalb rivalisieren Kinder wie die Erwachsenen, wollen obenauf schwimmen. Unterlegenheit ist eine Schmach, weil unterlegene Menschen ausgebeutet werden können. Ist in unserer Gesellschaft die Ausbeutung der Schwächeren nicht das Mass aller Dinge?
 
Was sind aber die wahren Werte, die wir den Kindern vorleben wollen: Die Grundbedürfnisse heissen Verlass und Freundlichkeit. Sie sind wichtig, weil das Kleinkind und das wachsende Kind sich mit aufeinanderfolgenden Krisen auseinandersetzen und diese bewältigen muss. Deshalb sind Bindungen an verschiedene Personen wichtig, weil verschiedene Bezugspersonen eine ganze Palette von individuellen Beziehungsangeboten machen können. Auch Kontakte zu anderen Kindern - schon bei Kleinkindern - erhalten eine spezielle, entwicklungsfördernde Bedeutung. Beobachtungen in Kinderkrippen zeigen, dass bereits Kleinkinder untereinander Freundschaften entwickeln können. Der Kontakt zu anderen Kindern fördert die Entwicklung der sozialen Kompetenz, d.h. auch Kleinkinder spüren, dass sie füreinander da sein können, miteinander etwas tun können, was Freude bereitet.
 
Ich erwähne einen weiteren wichtigen Eckpfeiler, der in allen Beziehungen von grosser Bedeutung ist. Es ist die Achtung dem anderen Mensch gegenüber, die Achtung dem Kleinkind und der Mutter gegenüber, welche das Kind geboren hat, die Achtung der Mutter gegenüber, welche ihren Job auf die Seite stellt, um ihrem Kind Raum für seine Entwicklung zu geben und die Achtung der Mutter gegenüber, die ihre berufliche Tätigkeit bald wieder aufnimmt und das Kind während dieser Zeit anderen Bezugspersonen anvertraut. Nur wenn Achtung existiert, können verantwortliche Männer/Väter Fremdbetreuungs-Projekte vorbehaltlos unterstützen, weil sie dem Wohl des Kindes, dem Wohl der Mutter und schlussendlich dem Wohl der gesamten Gesellschaft dienen.
 
Weil Eltern nie vollkommen sind, ist es wichtig, dass Kinder früh auch andere Bezugspersonen erleben. Eine unglückliche Mutter, die immer anwesend ist, schadet dem Kind sogar mehr, als eine schlechte familienergänzende Betreuung. Die Wichtigkeit der Fremdbetreuung habe ich schon am Anfang erwähnt. Ich betone nochmals, dass Kleinkinder zu mehreren Personen - zur Mutter, wie zum Vater, zu Grosseltern und zu ausserfamiliären Betreuerinnen - eine gute Bindung entwickeln können. Untersuchungen kamen zum Schluss, dass ausserfamiliäre Kinderbetreuung für die Kinder keineswegs schädlich ist. Kinder in Tagesbetreuung fühlen sich so sicher gebunden wie Kinder, die ausschliesslich zu Hause betreut werden. Untersuchungen zeigen weiter, dass Kinder mit früher Gruppenerfahrung nicht nur was die geistige Entwicklung anbelangt, sondern auch hinsichtlich der Auge-Hand-Koordination, kreativem Gebrauch von Materialien, betreffend Neugier, ihrer Ausdauer in der Bewältigung von Aufgaben, ihrer Sprachentwicklung usw. anderen Kindern voraus waren. 
 
Ein nicht zu übersehender Vorteil der ausserfamiliären Betreuung ergibt sich für die Mutter. Mütter ertragen ihre Kinder besser, wenn sie nicht 24 Stunden am Tag während 365 Tagen im Jahr von ihren Kleinkindern absorbiert werden. Jede Mutter, jeder Vater auch jede Betreuerin von Kindern muss autonom entscheiden können, wie lange, in welcher Intensität sie Kinder aushalten, bzw. mal an einem guten Ort „abgeben“ wollen. Berichte von Müttern weisen auf das mehrheitlich ungelöste Problem hin, wenn sie allein für die Betreuung ihrer Kinder zuständig sind; hier exemplarisch zwei Aussagen:
"Ich bin hauptsächlich wegen der Kinder noch zu Hause. Es gibt hier keine Möglichkeiten, sie wegzugeben, damit ich eine Ausbildung oder Weiterbildung machen kann. Ich finde, dass es einfach zuwenig wirklich gute Betreuung hat."
 Und eine andere Mutter:
"Manchmal werde ich schon ungeduldig, wenn er einfach so schreit und schreit und schreit. Ich habe das Gefühl, ich gebe ihm doch alles, was er braucht, und er hört dann trotzdem nicht auf. Ich habe auch schon gedacht, jetzt flippe ich dann aus. Das bringt mich schon an Grenzen."
 
Von den Sorgen der Mütter, die eine Entlastung durch Fremdbetreuung suchen, leite ich über zu einem Thema, das der Schweiz kein gutes Zeugnis ausstellt. Ich werde Sie mit einem Vergleich der volkswirtschaftlichen und familienpolitischen Rahmenbedingungen in europäischen Ländern konfrontieren. Die Schweiz steht innerhalb 17 europäischer Länder hinsichtlich
 
der Wohlfahrtsaufwendungen an 11. Stelle
der Ausgaben für Mutterschaft an 13. Stelle
der Kinderzulagen an 8. Stelle
des Mutterschaftsurlaubs an 16. Stelle
der Betreuung für Kinder an 15. Stelle
 
Der aktuelle Stand der schweizerischen Familienpolitik wird nicht selten als unterentwickelt, defizitär oder gar als "embryonal" bezeichnet. Betreuungsplätze für Kleinkinder sind ausgesprochen Mangelware, die finanziellen Aufwendungen des Staates für familiale Belange hinken weit hinter denjenigen vieler europäischer Länder her. Die prekäre familienpolitische Situation dürfte sich auch dahingehend auswirken, dass Schweizer Paare häufiger auf Kinder verzichten, als dies in vielen anderen Ländern der Fall ist.
 
Die notwendige Konsequenz heisst deshalb: Das bestehende Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung muss erweitert werden. Alle Familien, unabhängig von ihrem Wohnort, ihren finanziellen Möglichkeiten oder ihrer Herkunft, müssen die Möglichkeit haben, ihre Kinder familienergänzend betreuen zu lassen. Um den verschiedenen Bedürfnissen der Kinder und Eltern gerecht zu werden, muss ein vielfältiges Angebot geschaffen werden: Kinderkrippen, Tagesmütter, Kinderhütedienste usw.. Eine qualitativ gute familienergänzende Kinderbetreuung darf keine Notlösung sein, sondern stellt eine wertvolle Ergänzung familiärer Betreuung dar. Der Aufbau und der Ausbau bestehender Betreuungsmöglichkeiten ist eine öffentliche Aufgabe, weil die Öffentlichkeit auch davon profitiert. Die Unterversorgung im Betreuungsbereich ist seit Jahren bekannt. Aber mit der Begründung, es fehlen die Finanzen, werden die Forderungen immer wieder aufgeschoben. Dieses Standardargument verschleiert, dass die Verteilung der vorhandenen Finanzen eine politische Entscheidung ist. Jetzt haben die ParlamentarierInnen kürzlich Gelder für das Projekt ausserfamiliäre Kinderbetreuung gesprochen. Bis die Gelder zur Verfügung stehen, wird es aber schon noch einige Zeit dauern.
 
Die Gründe, weshalb im Kinderbetreuungsbereich die erforderliche Priorität nicht wahrgenommen wird, muss darin gesehen werden, dass die Betreuung der Kleinkinder als private Aufgabe der Familien - vor allem der Mutter - betrachtet wird. Auch in der Politik wird leider - und zwar ungerechtfertigt - die Meinung vertreten, dass das Wohl des Kindes, ausser in Ausnahmefällen, nur innerhalb der Familie gewährleistet sei. Berechtigte Zweifel gegenüber dieser Meinung sind angesagt. Denn die billigste Lösung für die öffentliche Hand ist immer noch die kostenlose freiwillige Betreuung der Kinder durch unbezahlte Arbeit von Müttern, die als Haus- und Ehefrauen zu Hause bleiben. Mütter, die andere Vorstellungen entwickeln, werden durch Vorurteile - z.B. Krippenbetreuung sei für die Entwicklung des Kindes schädlich - und durch Schuldgefühle eingeengt.
 
Damit die Krippenbetreuung für die Kinder förderlich ist, muss die Forderung nach einer qua- litativ hochstehenden Ausbildung der Betreuerinnen gestellt werden, welche wiederum die Tätigkeiten im Kleinkinderbereich aufwertet. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen stehen in keinem Verhältnis zur Bedeutung und den vielfältigen Anforderungen an diese Berufe. Als traditionell frauentypische Berufe werden sie mehrheitlich von Frauen ausgeübt und bis heute eindeutig unterbewertet. Im Vergleich der Bezahlung in den Berufen Kleinkindererzieherin, Kindergärtnerin, Primarlehrerin, Oberstufenlehrerin, Gymnasiallehrerin kommt der wachsende Wert des wachsenden Menschen zum Ausdruck. Je näher der Mensch der Erwerbstätigkeit kommt, umso wertvoller wird er. Ein Staatswesen investiert aber vernünftigerweise in seinem ureigenen Interesse in die heranwachsenden Kinder, d.h. es stellt bereits dem Kinderwunsch von jungen Paaren keine zu grossen materiellen Barrieren in den Weg.
 
Ein weiteres Thema, das ich noch anschneiden will, ist die Wichtigkeit des sozialen Netzes von Familien mit Kleinkindern. Diese Ressourcen zu fördern, wäre eine familienpolitische Aufgabe. Das Bewusstsein angehender Eltern muss geschärft werden, dass junge Paare die vorhandenen Möglichkeiten ausschöpfen lernen und ihre Erwartungen offen legen. Vor allem muss es jungen Eltern gelingen, Zeit und Energie für die Pflege von Beziehungen freizuhalten. Hauptsächlich geraten oft Mütter in eine Spirale der Überforderung, Erschöpfung und Depression. Es gelingt ihnen dann nicht mehr, rechtzeitig Signale über ihre wahre Befindlichkeit auszusenden und die entsprechende Hilfe anzufordern. Der gesellschaftliche Druck auf junge Mütter verlangt von Ihnen, dass sie glücklich in ihrer Rolle sind und fähig, ihre Rolle als Mutter gut zu erfüllen. Dringend muss das öffentliche Bewusstsein gefördert werden, dass die Anforderungen der Elternschaft mindestens so gross sind, wie diejenigen des Berufslebens.
 
Als Grundlage für diesen Artikel diente mir u.a. das Buch: "Startbedingungen für Familien" herausgegeben vom Marie Meierhofer-Institut für das Kind.
 
Rütihof, anfangs Januar 2004
Walter Franzetti, lic.phil.
Psychotherapeut SGST/SBAP.
 
[Abgeänderter Vortrag gehalten an der Gründungsversammlung des Kinderhortes „Wichtelburg“ in Muri AG]
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