Walter Franzetti, lic. phil.

Psychotherapeut
Männer - hört (besser) hin!
Seelische Ursachen des Symptoms Bulimie
Gedanken über die Fremdbetreuung von Kindern
Die Macht des Schweigens

Miriam litt an Bulimie. Nach mehr als 7-jähriger Krankheitsdauer begann sie eine Psychotherapie, welche eine Besserung der Symptome bewirkte. Das seelische Leiden war damit noch lange nicht beseitigt. Miriam hat als kleines Mädchen schmerzliche Trennungserfahrungen und in Aufregung versetzende sexuelle Verführungssituationen erlebt, welche in ihr Wut und Hass gegen die geliebten Personen weckten. Mit strenger Kontrolle der Umwelt hoffte sie, ihre Affekte in den Griff zu bekommen.

 
Die unheimliche Krankheit hat sie jahrelang verheimlicht
 
Miriam erkrankte mit 15 Jahren an Bulimie (Essstörung), als sie sich von ihren Grosseltern, von denen sie grossgezogen worden war, trennen und zu ihrer arbeitstätigen Mutter ziehen musste. Während vielen Jahren verheimlichte sie ihre Krankheit und zog sich immer mehr in ihre einsame Welt zurück. In ihrer realen Welt fühlte sie sich unbeheimatet und einsam. Sie baute deshalb ihre Welt von Wunschvorstellungen und Idealisierungen ihrer Person auf, die geprägt war von bestimmten Überzeugungen hinsichtlich Essverhalten und Körpergewicht. Weil die reale Welt und die phantasierte Welt nicht im Einklang standen, war das Erbrechen stets ein einsamer und verzweifelter Akt. Nach langem Schweigen und Leiden vertraute sie sich ihrem damaligen Freund an. Auf seinen Rat und sein Drängen hin begann Miriam eine Therapie. Während dieser Behandlung verschwand die Bulimie, aber nicht ihre seelischen Schmerzen. Deshalb begann sie bei mir ihre zweite Psychotherapie.
 
Herunterprasselnde Steine drohen mich zu erschlagen
 
Während der ersten Gespräche bei mir wirkte Miriam sehr bedrückt. Mit prüfendem Blick kontrollierte sie den Raum und mit ihren ängstlichen Augen musterte sie mich immer wieder. Sie erweckte den Eindruck, sie müsse sich einen Fluchtweg zurecht legen. Die Angst und die Verzweiflung war ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr Gefühl veranschaulichte sie mit dem Bild: ”Ich muss immer für andere Menschen da sein und um meine Sorgen kümmert sich niemand. Ich fühle mich oft so hilflos und habe das Gefühl, Steine prasseln auf mich herunter, die mich zu erschlagen drohen." Sie schilderte ein Lebensgefühl der Fremdheit, der Unwirklichkeit, das sie umhüllte und für das sie keine Worte fand, nur Verzweiflung erlebte. Als auffälligen und deutlichen Kontrast zu ihrer Verzweiflung erlebte ich das gewinnende Lächeln, das unerwartet ihr Gesicht erhellen konnte. Es war ein schüchternes und zugleich verschmitztes "Lausmädchen-Lachen", mit dem sie mir signalisierte: ”Ich finde den Weg auch ohne deine Hilfe, aber hilf mir gleichwohl".
 
Die Mutter war depressiv der Vater anzüglich
 
Weil beide Eltern arbeiten mussten, kam Miriam bereits mit ungefähr sechs Monaten in die Obhut der Grosseltern. An Wochenenden sorgten Mutter und Vater für sie. Als Miriam fünf Jahre alt war, trennten sich die Eltern. An Sonntagen besuchte sie dann oft ihre Mutter. Sie tat es ungern, weil die Mutter meistens depressiv zu Hause sass und die Tochter ihrem Schicksal überliess. Oft verabschiedete sich Miriam früher als vereinbart von ihrer Mutter mit der Begründung, sie müsse noch Schulaufgaben erledigen. In ihren Vater war sie als kleines Mädchen verliebt und sie hatte ihn sehr idealisiert. Ihr Vater war aber ein unzuverlässiger Mensch und er versetzte Miriam oft. Mit anzüglichen Sprüchen verbreitete er in Anwesenheit der Tochter ein Klima des sexuellen Übergriffs. Die Grossmutter drohte Miriam oft, sie laufe davon. Miriam fühlte sich von ihr ebenso im Stich gelassen wie von der depressiven Mutter und dem nur auf sich bezogenen, unzuverlässigen Vater.
Sexualität bedeutete für Miriam Überrumpelung und Ausbeutung
 
Miriam kam eines Tages offensichtlich verstört in die Therapie und erzählte mir einen Traum: ”Ich gehe in ein Zimmer, wo sie im Schneidersitz auf dem Boden sitzen, nur mit einer Unterhose bekleidet. Ich erschrecke heftig und renne aus dem Zimmer.” Dieser Traum zeigte offen die Angst vor der sexuellen Überrumpelung und Ausbeutung. Den abgewehrten Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit und Körperkontakt deutete sie mit unauffälligen Worten an. Ihre versteckten oder auch offenen Annäherungsversuche waren stets von intensiven Scham- und Schuldgefühlen begleitet, weshalb sie oft zu ihrem eigenen psychischen Schutz die Mitmenschen zurückstossen musste.
 
Die Zurückweisung galt vorwiegend ihrem Vater, der ihr ein abstossendes Bild von der Frau als sexuelles Wesen vermittelt hatte. Miriam ertrug die Nähe zum einst geliebten Vater nicht mehr, weil er sich oft zu anzüglichen Bemerkungen über "ihre Knospen” (Brüste) hinreissen liess. Sie hatte auch nie gerne einen Rock getragen, weil der Vater mit lüsterner Neugier seinen Blick stets auf ihre Beine gerichtet hatte. In der vom Vater verbreiteten sexualisierten Atmosphäre konnte Miriam ihre sexuelle Identität nicht finden.
 
In Stunden mit stabilerem Arbeitsbündnis konfrontierte ich Miriam achtsam mit ihren sexuellen Wünschen. Anfänglich liess sie mich oft mit Vorwürfen und aggressiven Attacken abprallen. "Sie leiern immer den gleichen Rosenkranz herunter", konterte sie mit spitzer Zunge. Trotzdem begann sie sich allmählich mit diesem Thema zu beschäftigen. Mich prüfend erwähnte sie vorsichtig: "Ich habe von ihnen geträumt, aber ich weiss nicht recht, ob ich es ihnen erzählen soll". Schwieg ich darauf, schwieg sie auch. Deutete ich ihren Wunsch und ihre Abwehr wusste ich nie, ob ich ihr zu nahe trat oder eine Türe öffnete, um ihr zu ermöglichen, ihre Einfälle zu äussern.
 
Kein Mensch versteht mich, ich lebe in einem fremden Land
 
In aktuellen Lebenssituationen verspürte Miriam oft unbändigen Hass, Wut und Neid ihrer Grossmutter, ihrer Mutter, ihrem Ehemann, ihren Kolleginnen und später auch ihrem Sohn gegenüber. Ein Telefonanruf der Grossmutter konnte in ihr das Gefühl auslösen, sie müsse wieder für sie sorgen. "Alle Menschen wollen etwas von mir, aber niemand gibt mir das, was ich brauche. Eine Arbeitskollegin muss nur jammern und die Männer springen und helfen dieser dummen Kuh und mich beachten sie nicht. Mein Mann Thomas gibt mir keine Zärtlichkeit, er lebt nur für seinen Beruf und seinen Sport." Einem Strudel gleich wurde sie von ihren anklagenden Vorwürfen in bitteres Elend gerissen, dem ein Schwall von unkontrollierten Todeswünschen folgte. Ihr Selbstbild vom bösen Mädchen wurde dadurch zementiert. Die Unwert-, Scham- und Schuldgefühle rissen Miriam noch mehr in die Tiefe.
 
Sie richtete die Attacken auch gegen mich, wenn ich nicht als Komplize in ihre Vorwürfe einstimmte und beklagte sich aufgebracht über mein Unverständnis für ihre Schwierigkeiten. Den heftigen Affekten der Wut, des Hasses und des Neides konnte ich nichts entgegensetzen, ich musste diese Affekte ertragen und mittragen. Miriam testete mich auch, ob ich es noch aushalte mit ihr. Hielt ich es aus, warf sie mir vor, dass mich aber auch gar nichts aus der Fassung bringen könne.
 
Stärke und Autonomie bedeutete für Miriam Zerstörung
 
Während einer intensiven Stunde, die geprägt war von der lebendigen Kraft Miriam‘s, deutete ich ihr hoffnungsvoll und erfreut ihre Stärke. Für mich überraschend fiel sie in heftige Verzweiflung. Sie beschuldigte mich, ich würde sie überhaupt nicht verstehen, ich nähme ihre Verzweiflung, ihre Hilflosigkeit nicht ernst. Leicht verlegen kam sie in die nächste Stunde und entschuldigte sich mit den Worten: ”Letzte Stunde bin ich sehr böse mit ihnen gewesen.” Ich bestätigte sie, relativierte aber gleichzeitig ihre Bosheit und klärte ergänzend: "Sie sind erschrocken, weil ich ihnen sagte, sie seien stark. Stärke setzen sie mit Zerstörung gleich." Sie hatte damals, als sie noch ein Kind war, ihr Weggehen von der depressiven Mutter als deren Zerstörung phantasiert.
 
Mit den häufigen Klagen, die Menschen kümmerten sich nicht um sie, verbarg sie den Triumph, den sie empfand, wenn sie sich den Menschen entzog und in ihre eigene Welt eintauchte. Miriam inszenierte auch in der therapeutischen Situation ihr charakteristisches Beziehungsmuster: Wenn sie nicht anklagte, entzog sie sich mit Schweigen der Auseinandersetzung, sagte auch wenige Male wegen Müdigkeit und Kraftlosigkeit eine Stunde ab. Ihre Absage auf das Tonband gesprochen wirkte jedoch sehr kraftvoll.
 
Die Kontrolle über die Aussenwelt diente der Kontrolle der Innenwelt
 
Miriam's Interaktionen mit der Umwelt waren geprägt von einem strengen, für sie lebensnotwendigen Kontrollbedürfnis. Mutter und Grossmutter hatten in ihrer Anwesenheit viel gestritten. Miriam phantasierte, sie sei meistens die Ursache der Streitereien gewesen. Sie konnte den Streit zwischen Mutter und Grossmutter aber nicht unter Kontrolle bringen. Sie fühlte sich schuldig und die Verantwortung lastete schwer auf ihr.
 
Wie viel Verantwortung, wem gegenüber muss sie übernehmen? Weinend erzählte sie, der Vater habe sie als Kind an einem Samstag zum Skifahren mitgenommen. Der Lehrer machte seine Schülerin anschliessend für ihr unentschuldigtes Fernbleiben von der Schule verantwortlich gemacht. Er ging von der Überlegung aus, sie hätte als Primarschülerin das Angebot des Vaters ablehnen müssen.
 
In unerträgliche Not geriet Miriam später wegen ihrem Sohn Sven. Er riss sich häufig von der Hand der Mutter los, wenn sie auf dem Trottoir entlang einer vielbefahrenen Strasse spazierten. Panik erfüllte sie beim Gedanken, sie habe Sven nicht unter Kontrolle und er könnte vor ein Auto springen. In ihrer Verzweiflung schlug sie Sven, wenn sie ihn - auch in anderen Situationen - nicht unter Kontrolle hatte. Voller Schuldgefühle kam sie in die Therapie. Ich übernahm die Funktion eines Hilfs-Ich und erklärte ihr, der Lehrer hätte die Pflicht gehabt, ihren Vater für das Schulschwänzen in Verantwortung zu ziehen und nicht sie. Hingegen trage sie eine Verantwortung, Sven vor den Gefahren der Strasse zu schützen.
 
Die Suche der guten Selbstanteile
 
Vor der Geburt ihres Sohnes Sven äusserte sie häufig die Angst, sie fürchte, ihr noch ungeborenes Kind sei schlecht, unvollkommen oder sogar behindert. Als sie später mit ihrem aufgeweckten Sohn öffentliche Spielplätze aufsuchte, verspürte sie den Impuls, zu gehen, wenn andere Mütter mit ihren Kindern dazukamen. Es war Angst, Sven zeige sich als böses Kind. Diese Situationen bewirkten ein Wiederaufleben ihrer eigenen ambivalenten Gefühle. Todeswünsche, Wut, Hass, Neid, Streitereien zwischen Mutter und Grossmutter, deren Grund sie in ihrem eigenen bösen Wesen suchte, lösten erneut heftige Unwert-, Scham- und Schuldgefühle aus, die wie Steine auf sie herabprasselten. Wie das Auskotzen der schlechten Nahrung in der Bulimie, kotzte sie diese "Höllenhunde" erneut aus, um sich von der inneren Belastung zu befreien. Es brachte ihr aber keine Linderung der Not, es verstärkte ihre Not, weil sie die guten Objekte ebenfalls auskotzte. Nachher fühlte sie sich elend und leer.
 
Die guten Anteile von Miriam gingen wirklich verloren. Ich deutete ihr diesen Prozess und hielt oft die guten Anteile von ihr fest. Sie hat ihrer Grossmutter eines Tages den Vorschlag gemacht, mit ihr im Friedhof das Grab des Grossvaters zu besuchen. Diese Gefälligkeit hat Grossmutter mit dankbarer Freude erfüllt. Miriam erfasste die Bedeutung ihrer Handlung erst, als ich sie darauf hinwies. Als sie einmal in einer schwierigen Situation eine Sondersitzung beanspruchte und Sven mitnehmen musste, konnte ich beobachten, wie sie sich mit einem liebevollen Gesicht zu Sven neigte und Sven ihr etwas ins Ohr flüsterte. Sie flüsterte ihm etwas zurück, bevor sie Sven im Wartezimmer allein zurückliess. Ich sprach sie auf dieses Ereignis an. Sie war sehr erstaunt und erfreut über meine Interpretation: "Sie waren eine liebevolle und fürsorgliche Mutter und Sven hat es grossartig gemacht. Er hat die Trennung ohne Quengeln akzeptiert." Im Laufe der auf-und-ab-wogenden Arbeit mit Miriam haben die "Höllenhunde" an Bedrohung verloren und ihre guten, inneren Anteile bekamen mehr Raum.
 
Lebensfreude und Trauer erstarkten - Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nahmen ab.
 
In einer späten Phase der Therapie erzählte Miriam spürbar lockerer, ohne das 'Steine-auf-mich-herunterprasseln-Gefühl' einen Traum. ”Sie und ich standen im steilen Gebirge an einem breiten Bachbett. Gewaltige Wassermassen können hier herunterstürzen und alles mitreissen; Szenenwechsel: Ich hatte mit einem Mann, es könnte auch mein Mann gewesen sein, eine schöne sexuelle Beziehung. Es war ein wunderbares Gefühl.” Die Assoziationen beinhalteten die Sicherheit vor dem Bergbach, der mit ungeheurer Zerstörungskraft herunterstürzen kann. ”Diese Sicherheit, die ich in den Auseinandersetzungen mit ihnen gewonnen habe, verspüre ich zeitweise deutlicher. Ich habe irgendwie die Gewissheit, sie würden mich vor diesen gewaltigen Wassermassen schützen". Die Sexualität und die damit verbundene Vaterübertragung, welche von der Angst des Missbrauchs und der Ausbeutung geprägt war, hat einen anderen Stellenwert erhalten und sie konnte im Traum die Sexualität als einen Teil ihrer Persönlichkeit befriedigend erleben. Auch in der sexuellen Beziehung mit ihrem Mann verschwand zeitweise die lustfeindliche Verspannung.
 
Gegen Ende der Therapie erkrankte ihre Mutter an Krebs. Miriam setzte sich nochmals mit ihren Allmachtswünschen auseinander. Sie akzeptierte, dass sie die Mutter nicht retten muss. Auch die Ohnmachtsgefühle ertrug sie besser. Sie begegnete auch wieder ihren Todeswünschen, die sie oft auf die Mutter gerichtet hatte und erlebte es erleichternd, dass nicht ihre Zerstörungswut die Mutter krank gemacht hat. Ohne grosse Angst vor Überforderung begann sie, die Mutter zu begleiten. Sie akzeptierte, dass die Mutter nicht über ihre Krankheit sprechen wollte. Trauer erfasste sie beim Gedanken, dass ihre Mutter vielleicht nicht mehr lange leben wird. Auch das nahende Ende der Therapie machte sie traurig. 
 
Die Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit und Verständnis
 
Miriam nutzte mich als ein Objekt, damit sie ihre Person besser wahrnehmen konnte. Dazu überprüfte sie mich dauernd, ob ich die anfänglich gesetzten Grenzen zu wahren bereit war. Sie begegnete mir mit verführerischer Beredsamkeit, bemerkenswerter Nachgiebigkeit, verlockendem Lächeln oder überhäufte mich mit verletzenden Vorwürfen und massiven Schuldzuweisungen. Sie wollte Klarheit darüber, ob ich die Beziehung mit ihr aufrechterhalte, oder aus Angst vor Verführung und aus Wut wegen ihrer massiven Zurückweisungen brüsk abbrechen werde. So entstand im Laufe der gemeinsamen Arbeit eine tragende Beziehung zwischen zwei Menschen, die voneinander abgegrenzt ihre Eigenständigkeit bewahren konnten. Miriam ist auf dem Weg ein neues Lebensgefühl von Nähe, Zärtlichkeit und Verständigung zu finden.
 
Walter Franzetti, lic.phil.
Psychotherapeut SGST/SBAP.
Angebote
Über mich
Biographie
Kontaktieren Sie mich
Walter Franzetti lic. phil.