Walter Franzetti, lic. phil.

Psychotherapeut
Männer - hört (besser) hin!
Seelische Ursachen des Symptoms Bulimie
Gedanken über die Fremdbetreuung von Kindern
Die Macht des Schweigens

Wenn Menschen seelisch leiden, kann eine Psychotherapie helfen. Frauen wählen den Weg aus der seelischen Not mit Hilfe der Psychotherapie viel häufiger als Männer. Diese Tatsache ist u.a. erklärbar mit einer wesentlich verschiedenen Einstellung von Frauen und Männern der Psychotherapie gegenüber. Frauen leben mehrheitlich von der Hoffnung auf positive Veränderung durch Psychotherapie und viele - jedoch nicht alle Männer - geraten in Angst, die Psychotherapie erschüttere ihre bis anhin als richtig befundene Lebensphilosophie. Mein Artikel soll dazu aufmuntern, neue Wege der Konfliktbewältigung zu suchen.

 
Frauen helfen die Not der Männer zu verdrängen
 
Das Selbstwertgefühl wird bei vielen Männern oft einseitig durch den Erfolg im Beruf gestärkt, d.h. durch erbrachte grosse Leistungen, und zusätzlich durch die Verleugnung von Gefühlen, wie Hilflosigkeit, Trauer und Ohnmacht. Frauen fühlen sich allzu oft verantwortlich für das Selbstbewusstsein ihrer Männer und helfen häufig unbewusst mit, Konflikte, die aus falschem männlichem Rollenverständnis entstehen, zu verdrängen. Viele Mädchen werden zum Helfen erzogen, aus Knaben dagegen sollen mächtige Politiker, Manager - kurz - Macher werden. Auch wenn den Männern der Sprung gelingt, eine wirklich wichtige Person zu werden, verlieren sie das Bedürfnis, getragen zu werden, keineswegs (häufig stehen im Hintergrund starke Frauen). Der Erfolg in der Politik, als Manager, als Unternehmer und nach dem Fall die grosse Abfindungssumme kann auch die Funktion des Getragenwerdens übernehmen. Oft versuchen Männer, denen die grosse Karriere nicht gelungen ist, wenigstens in der Familie das Glück der Macht geniessen zu können. In solchen Systemen muss die Frau auf einen Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung verzichten, um eine genügend gute Mutter für ihren Mann zu bleiben.
 
Die Bewusstwerdung der Frauenrolle zwingt zur Veränderung
 
Immer mehr Frauen gelangen zur Erkenntnis, dass sie diese Rolle gegenüber ihren Männern über Bord werfen wollen. Das Resultat ist statistisch im Anstieg der Scheidungsrate zu sehen. Für viele Männer gibt es oft ein böses Erwachen, wenn die Frauen eigene Wege gehen und sich mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten auseinandersetzen. Diese Frauen entdecken dabei, dass sie in charakteristischen Ausbeutungsbeziehungen gelebt haben, obwohl rein äusserlich die Beziehung ideal und ausgeglichen ausgesehen hat und von der Umwelt auch so wahrgenommen wurde. Eine Frau hat die Erkenntnis, von der sie wie von einem Blitz aus heiterem Himmel getroffen wurde, mit folgenden Worten beschrieben: "Eines Tages nahm ich mit Entsetzen die Eintönigkeit meines Lebens wahr. Es war, als ich eines Abends das Geräusch des Garagentores, das mein Mann öffnete, bewusst zur Kenntnis nahm. Während vielen Jahren war dieses Geräusch für mich Signal, die Kaffeemaschine in Betrieb zu setzen, um nach einiger Zeit mit meinem Mann einen Kaffee zu trinken. Plötzlich ergriff mich Panik beim Gedanken, dass dies der Sinn meines Lebens sein sollte. Der während langer Zeit verdrängte Wunsch, 'hier muss ich raus', brach vehement hervor."
 
Männer schenken der Familie viel, aber Wesentliches fehlt
 
Obwohl der Mann sich um seine Frau bemüht und ein guter Vater für die Kinder ist, fehlt ihm oft der Zugang zu seinen tieferen Gefühlen, die erst eine befriedigende Beziehung ermöglichen. Er schenkt Kleinigkeiten, er lacht, er verhält sich zärtlich, er ist verständnisvoll, aber immer in einer ungefährlichen maximalen Distanz. Solange die Frau seine Wünsche unaufgefordert erfüllt, mangelt es ihm an nichts. Dreht die Frau eines Tages die Kaffeemaschine nicht mehr an, wenn das Garagetor quietscht, dann tauchen beim Mann unbewusste Ängste auf, die er oft mit einem manipulatorischen, aggressiven, bis tyrannischen Verhalten zu überspielen versucht. Sein Selbstwertgefühl, sein ganzes Sein als privater Mensch, bricht wie von einem Erdbeben erschüttert, plötzlich zusammen.
 
Die Frau äussert ihre Wünsche zu leise, der Mann hört nur halb hin
 
Die Frau teilt dem Mann ihre Wünsche oft so diskret mit, dass der Mann diese Wünsche lange Zeit überhören kann. Wagt es die Frau, lauter zu sprechen, werden ihre Wünsche häufig bagatellisiert oder entwertet. Der Mann kriegt Angst vor den Auseinandersetzungen, weil sie sein Selbstverständnis erschüttern. Seine Frau könnte ihn verlassen und dann hätte er keine Macht mehr über sie. Diese Befürchtung kränkt ihn sehr. Verlassenheitsängste und Kränkungen sind oft der Nährboden für körperliche und seelische Gewalt in der Ehe.
 
Die Beziehung versandet, wenn die Gefühle ausgeschlossen werden
 
Der Mann, der leistungsorientiert ist, kann den Veränderungswünschen der Frau oft nicht gerecht werden, weil die Erziehung ihm andere Werte auferlegt hat. Er musste lernen, sich durchzusetzen, andere Gefühle ausser Aggression und Wut kann er kaum zeigen. Der Erfolg in der Schule und im Berufsleben gibt ihm zunächst recht und die Frau bewundert ihn auch während den ersten Ehejahren. Erst mit der Zeit nimmt sie das Fehlende in der Beziehung wahr: Die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit zu lieben, die sich darin zeigt, dass der Mann nur ungenügend zuhören kann, dass er im Geben und im Nehmen Mühe bekundet, dass er für sein und der Familie Wohlergehen - ausser für das Materielle - zuwenig Verantwortung übernimmt.
 
Die Befreiung aus dieser Verstrickung gelingt oft nur mit therapeutischer
Hilfe
 
Anfänglich möchte die Frau keine totale Distanzierung vom Mann, bloss ein Besinnen auf ihre Wünsche. Bereits dieses Innewerden der Wünsche der Frau löst bei Männern oft ein Gefühlsbeben aus. Die darauf folgende Abwehr des Mannes erlebt die Frau nach vielen Versuchen als unüberwindbar. Deshalb wird der Ausstieg aus der ehelichen Beziehung für sie immer zwingender. Der andere Weg aus den Verstrickungen führt über Einzel- oder Paargespräche, die eine neue Standortbestimmung zum Ziel haben. Psychotherapeutische Gespräche dienen nicht der Schuldzuweisung, sondern der Emanzipation von Frau und Mann. Emanzipation heisst in diesem Sinn, Befreiung aus den Verstrickungen, die durch unbewusste Wünsche und unbewusste Ängste von Mann und Frau entstanden sind. In unserer Gesellschaft haben Frauen oft einen besseren und schnelleren Zugang zu ihren Gefühlen als die Männer. Männer könnten da von ihren Frauen durchaus lernen. Der Mann kann den ersten Schritt tun, wenn er beispielsweise mal schwach und hilflos sein darf, ohne dass sein Selbstwertgefühl Schaden nehmen muss.
 
Walter Franzetti, lic.phil.
Psychotherapeut SGST/SBAP.
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